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Soziale Entwicklungen in der Neuzeit

Armut und Armenwesen

Im Mittelalter waren die Schwächsten der Gesellschaft der Wohltätigkeit von Kirche und Privatpersonen überlassen. Sie konnten die Klöster um Hilfe bitten, die die Armen unterstützten und für Reisende und Kranke sorgten. Die Zisterzienserklöster, beispielsweise das Kloster in Løgum, leisteten einen großartigen Einsatz. Es gab auch Hilfe seitens der Bettelmönche, die sich ab etwa 1230 in Tønder, Haderslev, Schleswig und Flensburg niederließen. Auch die sogenannten Hospitale, Heiligen-Geist-Häuser, St. Georgs-Höfe und St. Gertrud-Stifte boten Hilfe an. Darüber hinaus führten Brüderschaften und Gilden soziale Arbeit durch.
 
Die Reformation änderte nicht grundlegend an diesen Verhältnissen. Im Jahre 1542 schärfte der neue Kirchen-Ordinandus für Schleswig und Holstein ein, dass die heimischen Armen weiterhin Einkünfte aus allen bisherigen Armenstiften und aus dem Klingelbeutel beziehen sollten, den man beim Gottesdienst benutzte, um Geld für die Armen zu sammeln. Die Hospitale sollten über gute Rahmenbedingungen verfügen. Das wichtigste war, dass die Obrigkeit versuchte, die Bettlerei zu regulieren. Die Armen der Gemeinde konnten ein „Armenzeichen“ bekommen, dass ihnen das Recht gab, innerhalb der Gemeinde oder des Ortes zu betteln. Solche Regeln sind aus Husum im Jahre 1528 dokumentiert, und Herzog Hans der Ältere führte ähnliche Regelungen in der Gegend um Haderslev und Tønder in den Jahren nach 1550 durch. Auch in den Polizeiverordnungen von Sønderborg und Flensburg im beginnenden 17. Jahrhundert wurden solche Bestimmungen eingeführt.
 
Die immer wieder zu sehenden Verordnungen gegen herumstreifende Bettler zeigen allerdings, dass das System nicht wirkte. Stattdessen wurden die ersten Versuche einer eigentlichen öffentlichen Fürsorge eingerichtet. In Friedrichstadt, Schleswig und Tönning geschah dies bereits im 17. Jahrhundert.

1736 führte Christian VI. entsprechende Regelungen in ganz Sønderjylland ein: Alle Formen des Bettelns wurden verboten. Jeder Ort, jede Kommune oder Gemeinde, musste eine Armenkasse mit Einkünften aus Legaten, dem Klingelbeutel, Opferstöcken und einen sogenannten freiwilligen Beitrag einrichten, und – falls erforderlich – direkte Armensteuern erheben. Aus dieser Armenkasse sollte Geld verteilt werden, damit die Bedürftigen nicht mehr länger betteln mussten. Bettelvogte sollten die Bettler aufgreifen.

Aber das Gesetz ist eine Seite, die Wirklichkeit eine andere. Die Unterstützung war nicht ausreichend, und die Bettelei ging weiter. Immer wieder musste die Obrigkeit regelrechte „Bettlerjagden“ veranstalten. Auf dem Lande gingen viele Arme oder Alte „reihum“ – sie erhielten Essen und Unterkunft auf den verschiedenen Höfen. Verwaiste Kinder wurden zu Lasten der Armenkasse „zum billigsten Preis“ in Pflege gegeben.
 
Gegen Ende des Jahrhunderts hatten viele Armenkassen feste, steuerähnliche Einkünfte. Die Bevölkerungszahl stieg, und damit nahmen auch die sozialen Probleme zu. Deshalb reformierte praktisch jede Kleinstadt in Sønderjylland zwischen 1788 und 1812 das Armenwesen. Es wurden „Armenpfleger“ eingesetzt, die Arme aufsuchen, deren Bedürfnis aufdecken und sich darum kümmern sollten, dass jeder Einzelne die individuell erforderliche Hilfe erhielt. Ziel war eine individualisierte Hilfe und umfassendere Kontrolle.
 
Die Reformen um 1800 waren von Optimismus geprägt, aber das änderte sich bald. Die Krise der Landwirtschaft, Arbeitslosigkeit und zunehmende Verarmung führte dazu, dass die Ausgaben für die Armenhilfe explodierten. Viele befürchteten, dass sich die Armen ungezügelt vermehren würden. 1841 wurde der aktuelle Zeitgeist in einem neuen Armengesetz ausgedrückt. Hierin wurde bestimmt, dass Menschen, die Armenhilfe erhalten hatten, nicht ohne Genehmigung heiraten konnten. Die Hilfe sollte – soweit möglich – in Form von Naturalien gewährt werden, und gerne kollektiv in Arbeitsanstalten für Arme. Dort herrschte eine straffe Hausordnung und Arbeitszwang, der die Armen anspornen konnte, sich selbst zu helfen. Diese neuen Anstalten, besser bekannt als Armenhäuser, wurden in den nächsten 50 Jahren das berüchtigte Zentrum der Sozialfürsorge. Nur sehr selten wurde die gewünschte Wirkung erzielt – also die Rationalisierung und Effektivvisierung der Armenfürsorge, um die Ausgaben zu begrenzen. Als die Bismarck’schen Gesetze über Kranken-, Unfall-, Invaliditäts- und Altersversicherung von 1891 eine neue Zeit einleiteten, war die Rolle der Armenhäuser beendet.

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